Cover LaG-Mag 4-2026

LaG-Magazin "Interkulturelles Lernen. Das Beispiel ostdeutsche Migrationsgeschichte"

Sören Isele

Interkulturelles Lernen meint nicht nur Wissenserwerb über die Geschichte anderer Länder oder über Migrationsprozesse. Zielführend sind macht- und rassismuskritische Reflexionen oder auch die Frage, wessen Perspektiven hörbar werden oder wer am Lernprozess beteiligt ist. Im aktuellen LaG-Magazin teilen Bildungsakteur*innen ihre Erfahrungen in interkulturellen Projekten. Essays beleuchten ausgewählte Aspekte der ostdeutschen Migrationsgeschichte.

Link zum LaG-Magazin 4/2026

Als diese Magazinausgabe konzipiert wurde, stand die LaG-Redaktion vor einem Themenfeld, das sich in den letzten zehn Jahren enorm weiterentwickelt und ausdifferenziert hat. Das gilt sowohl für die akademische Erforschung als auch für die Erinnerungs- und Bildungsarbeit. In Zeitzeug*innenprojekten mit Fokus auf bestimmte Herkunftsländer erzählten ehemalige Vertragsarbeitende ihre Geschichte und Interviewsammlungen entstanden. Ausstellungen veranschaulichten, dass es in der DDR nicht nur die „ausländischen Werktätigen“ gab, sondern auch weitere Gruppen wie Studierende und politische Immigrant*innen. Dokumentationen beleuchteten regionale Kontexte, etwa in Cottbus oder Eberswalde, oder thematisierten bestimmte Aspekte wie die rassistische Gewalt der 1990er Jahre. Wer im Netz danach sucht, findet Texte zu geschlechtsspezifischen Erfahrungen von Arbeitsmigrantinnen oder zur Kontroverse um die Entschädigung der „Madgermanes“ in Mosambik.

Vor diesem Hintergrund war es unser Anliegen, die DDR-Migrationsgeschichte aus zwei Perspektiven zu betrachten. Erstens im Hinblick auf interkulturelles Lernen: Neben einem Beitrag zur universitären Forschung in diesem Feld finden Sie in dieser Ausgabe Berichte von Praktiker*innen, die interkulturelle Bildungsprojekte umsetzen und ihre Erfahrungen teilen. Zweitens präsentieren wir Ihnen historiografische Essays, die bisher wenig beachtete Aspekte beleuchten oder ungewohntere Blickwinkel eröffnen. Dabei handelt es sich lediglich um Schlaglichter, denn viele Migrationsgeschichten aus Ostdeutschland warten noch darauf, erzählt zu werden – etwa die der frühen Arbeitsmigrant*innen aus Polen, von ihnen kamen die ersten bereits ab den 1960er Jahren in die DDR.

Bei unseren Recherchen sind wir immer wieder auf die zweite Generation gestoßen – Kinder der Migrant*innen engagieren sich in der Aufarbeitung der Erfahrungen ihrer Eltern im Sinne geschichtskultureller agency (Lale Yildirim). Sie bringen nicht nur ihre persönliche Perspektive ein, sondern prägen den migrationshistorischen Diskurs durch eigene Forschungsprojekte und mediale Formate. Ziel all dieser Projekte ist es, die Perspektiven ostdeutscher Migrant*innen in dominante Narrative einzubringen − sowohl zur DDR- und Transformationszeit als auch in die gesamtdeutsche Migrationsgeschichte nach 1945.

Die Beiträge im Überblick:

Monika Kubrova vom Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland und der Zeitzeuge Yasser Muhammad berichten über zwei mehrjährige Projekte zur interkulturellen Erinnerung.

Anke John und Patricia Kleßen von der Universität Jena stellen das digitale Evaluationstool „Weltoffen lernen“ vor, mit dem sich die interkulturelle Kompetenz von Schulen messen lässt.

Tom Drechsel forscht zu mosambikanischen  Arbeitsmigrant*innen und vertritt die These, dass sich die Migrationspolitik in der späten DDR liberalisierte.

Maresa Nzinga Pinto erforscht die geschlechtsspezifischen Erfahrungen mosambikanischer Vertragsarbeiterinnen. Ihr Fokus liegt auch auf ihrem späteren Kampf um die Frauenrechte in Mosambik.

Maren Möhring vergleicht die Einwanderungsgeschichte der BRD und der DDR – am Beispiel der Arbeitsmigration.

Isabel Enzenbach schreibt über die Erinnerungsarbeit der zweiten Generation; die meisten von ihnen sind in den späten 1980er und in den 1990er Jahren geboren worden.

Die „Generation 1991“ ist Thema einer Folge des Podcasts „Rice and Shine“, den Tobias Rischk für uns angehört und besprochen hat.

Eckhard Pfeffer und Sebastian Popovic geben Einblick in ein internationales Schulprojekt zu den namibischen Kindern, die in den 1980er Jahren in der DDR aufgenommen wurden.

Die Online-Ausstellung „De-Zentralbild“ stellt uns Sabrina Pfefferle vor. Dieses Projekt arbeitet mit Bildmaterial aus den privaten Archiven von Migrant*innen.

Wir weisen darauf hin, dass der im Magazin häufig verwendete Begriff „Vertragsarbeit“ erst in den 1990er Jahren im Rahmen bundesrepublikanischer Regierungspolitik entstand. In öffentlichen Debatten sowie innerhalb der Bleiberechtskämpfe hat er sich bis heute etabliert und wird auch von den Betroffenen verwendet (vgl. Dossier Bundessstiftung Aufarbeitung).

Wir danken der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie allen Autor*innen und Interviewpartner*innen, die diese Ausgabe ermöglicht haben. Das nächste LaG-Magazin erscheint am 1. Juli 2026. Es widmet sich der Erinnerung und Aufarbeitung von Zwangsarbeit im Nationalsozialismus.

In eigener Sache: Wir freuen uns, den Relaunch unseres Portals „Lernen aus der Geschichte“ bekanntzugeben. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 ist es zu einem umfangreichen Archiv für Bildungsmaterialien, Fachbeiträge und Projektberichte angewachsen. Auch alle Magazinausgaben seit 2009 sind dort abrufbar. Dieses Archiv bleibt erhalten und steht weiterhin für Recherchen zur Verfügung. Zudem können wie gewohnt Veranstaltungen angekündigt und Informationen geteilt werden. Nutzen Sie das Portal weiterhin und geben Sie uns gern Feedback!

Ihre LaG-Redaktion 

Gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur


LaG-Magazin "Was war die DDR? Historisches Lernen in der Grundschule"

Sören Isele

Der schulfreie 3. Oktober, Gebäude im Wohnumfeld, Filme, Literatur oder Erinnerungen im Familienkreis – überall begegnen Kinder heute der deutsch-deutschen Zeitgeschichte. Fachdidaktikerinnen und Akteur*innen der historisch-politischen Bildung sind sich einig, dass der schulische Sachunterricht das aufgreifen soll. Die zentrale Frage ist jedoch, wie Lehrkräfte Kindern den Lerngegenstand DDR näherbringen.

Link zum LaG-Magazin 2/2026

Vor Kurzem verkündete der Berliner Senat, die Geschichte der deutschen Teilung und ihrer Überwindung solle kein Pflichtstoff mehr in der gymnasialen Oberstufe sein. Nationalsozialismus und Weimarer Republik müssten im Geschichtsunterricht noch behandelt werden, die Zeit nach 1945 offenbar nicht mehr. Zwar wurde der Beschluss zurückgenommen, doch er irritiert und lässt fragen, warum die deutsch-deutsche Zeitgeschichte in den Curricula auf so wackligen Füßen steht. Mit dieser Magazinausgabe bewegen wir uns über diese Frage weit hinaus − wir diskutieren, wie Grundschulkinder DDR-Geschichte lernen sollten.

Die Expert*innen, die in dieser Ausgabe schreiben, sind sich einig: Das Thema ist auch für Grundschulkinder relevant. Dennoch scheint es nötig, das immer wieder zu begründen. Dabei sollte die Diskussion eigentlich weiter sein. Jedoch hat die geschichtsdidaktische Auseinandersetzung zum Thema DDR in der Grundschule bisher einen marginalen Stellenwert. Die wenigen Forschenden weisen wiederholt auf Lücken hin. Gleichzeitig mangelt es am Transfer ihrer bisherigen empirischen Befunde, Forschungserkenntnisse und methodischen Konzepte in die Bildungspraxis – im Vergleich zu den Fachdidaktiken anderer Altersgruppen.

Hier liegt ein lohnendes Feld für bildungswissenschaftliche Diskussion und Entwicklung: Wie vermittelt man DDR-Geschichte kindgerecht, ohne auf die Methoden der Geschichtswissenschaft – etwa die Quellenkritik – zu verzichten? Warum sind etwa Bildnachweise auch für Materialien der Grundschule wichtig und wie können kindgerechte Bildunterschriften aussehen? Und über welche Themen wird der Gegenstand „DDR“ Kindern erzählt? Konsens besteht darüber, dass die Alltagsgeschichte, etwa die DDR-Schule und die Jungen Pioniere, sich sehr gut eignet. Die Diktatur und ihre Überwindung sind ebenso zentrale Themen in Bildungsprojekten für Kinder. Wenn Zeitzeug*innen ihre Kindheit in der DDR jedoch ungebrochen positiv und nicht als Erfahrung von Diktatur erzählen – wie gehen Teamer*innen damit um im Kontext von Demokratieerziehung und Kontroversitätsgebot? Und wie lernen Kinder mit migrantischen Erfahrungen oder aus migrantischen Familien DDR-Geschichte? Wie knüpfen Lehrkräfte an deren Lebenswelt und -geschichte an?

Nur diese wenigen Fragen zeigen: Das Thema ist facettenreich und spannend! Lesen Sie in den nachfolgenden Essays, wie die Fachdidaktiker*innen das Thema reflektieren. Im Serviceteil stellen wir einige Konzepte und Projekte vor, um zu zeigen, was es bereits gibt.

Julia Peuke hat untersucht, was Grundschulkinder über die DDR wissen und damit bereits in den Unterricht mitbringen. Sie stellt uns die Ergebnisse ihrer Studie vor.

Christian Fischer zeigt, dass für Grundschulkinder lebensweltliche Bezüge zur DDR-Geschichte auf der Hand liegen – und schlägt für den Sachunterricht interessante didaktische Zugänge vor.

Detlef Pech diskutiert den Einsatz von Zeitzeug*innengesprächen im Grundschulunterricht und weist auf die fehlenden empirischen Untersuchungen dazu hin.

Sandra Tänzer beschreibt, wie autobiografische Erfahrungen von Lehrkräften deren Unterricht prägen. Sie fordert, dass sich Lehrende für unterschiedliche Sichtweisen auf die DDR sensibilisieren.

Tobias Rischk hat für uns die Emmy-prämierte Doku-Serie „Auf Fritzis Spuren“ angeschaut und geprüft, ob sie sich für den Einsatz im Unterricht eignet.

Juliane Gröber rezensiert das neue Unterrichtsmaterial „Zeitreise DDR“ – eine Podcastreihe für die Schule und Zuhause.

Birgit Wenzel stellt eine Handreichung zu außerschulischen Lernorten in Berlin vor – ein Überblick über Angebote zur DDR- und NS-Geschichte für Grundschulen.

Einen Einblick in das Format der Kinder-Unis geben uns Lucie Kiehlmann und Lucia Demuth. Auf der Grundlage ihrer Erfahrungen diskutieren sie Chancen und Herausforderungen solcher Angebote.

Anja Bellmann erläutert die Bildungsangebote der Gedenkstätte Berliner Mauer. Schulklassen können sich dort bei der Erprobung neuer Formate einbringen.

Henrike Voigtländer beschreibt, wie sich die Bildungsarbeit für die Zielgruppe Grundschulkinder am Lernort Keibelstraße weiterentwickelt hat. Seit Gründung des Lernorts 2019 sind einige Angebote dazugekommen.

Das Thema dieser Magazinausgabe ist von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur angeregt worden, um es im Fachdiskurs und in der praktischen Bildungsarbeit voranzubringen. Dafür und für die Förderung danken wir. Unser Dank gilt ebenso allen Autor*innen dieser Ausgabe, besonders Julia Peuke, die diese Magazinausgabe fachlich kompetent beraten hat.

Die kommende Magazinausgabe erscheint am 29. April 2026. Sie thematisiert Fragen der interkulturellen Bildung am Beispiel der DDR-Migrationsgeschichte.

Ihre LaG-Redaktion