LaG-Magazin „Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung“
Durch NS-Zwangsarbeit konnte die deutsche Kriegswirtschaft aufrechterhalten und ausgebaut werden, die Versorgung der deutschen Bevölkerung war gesichert. Die Rassensklaverei in den Vereinigten Staaten wiederum trug wesentlich zu dem bis heute währenden Reichtum der USA bei, so schreibt unser Autor, der Historiker Anthony Bogue. Lesen Sie im neuen LaG-Magazin, wo die Aufarbeitung von NS-Zwangsarbeit heute steht und wie sich deutsche Unternehmen dieser Verantwortung stellen.
Zwangsarbeit war − spätestens mit Kriegsbeginn − alltäglich und allgegenwärtig im nationalsozialistischen Deutschland. Sie fand nicht nur an weit entfernten Orten in den besetzten Gebieten statt, sondern vor der eigenen Haustür und manchmal auch dahinter: im Haushalt, beim mittelständischen Arbeitgeber, auf dem Bauernhof der Familie oder in der Nachbarschaft. Um diese Unrechtsgeschichte aufzuarbeiten, braucht es keinen Besuch einer KZ-Gedenkstätte, sondern „das Graben“ an dem Ort, an dem wir stehen.
Die Mitarbeiter*innen von deutschen Unternehmen, so heißt es aus der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, befürworten es heute, wenn ihr Arbeitgeber seine NS-Unrechtsgeschichte aufarbeitet. Aktuell hat das US-Nationalarchiv die Mitgliederkartei der NSDAP digital zugänglich gemacht und das Interesse von Deutschen daran, ob die eigenen Vorfahren Parteimitglieder waren, ist − über 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs − angesichts der Fülle der Anfragen offenbar sehr hoch. In beiden Fällen, NS-Zwangsarbeit vor Ort und NS-Geschichte der eigenen Familie, spielt die persönliche Betroffenheit eine wesentliche Rolle. Kann das für die Erinnerung und Aufarbeitung von NS-Zwangsarbeit genutzt werden?
Die Beiträge dieses Magazins zeigen: NS-Zwangsarbeit ist mittlerweile in vielen lokalen Zusammenhängen und durch eine Fülle an Studien erforscht. Doch nur wenige Unternehmen haben ihre Geschichte aufgearbeitet. Besucher*innen der Ausstellung „trotzdem da!“, die wir im Magazin besprechen, sind betroffen über ihr eigenes Nichtwissen. Und in der NS-Dokumentationsstelle Krefeld weiß man trotz eigener Initiativen, dass zum Thema NS-Zwangsarbeit noch viel Recherchearbeit nötig ist.
Gemeinsam mit der Hans und Berthold Finkelstein Stiftung fragen wir in dieser Magazinausgabe, wie NS-Zwangsarbeit in Deutschland erinnert und aufgearbeitet wird. Dabei richten wir den Blick besonders auf die Akteur*innen von Zwangsarbeit − die Verantwortlichen, die Profiteur*innen und die Mitläufer*innen. Wie haben sich Unternehmen und Betriebe der Verantwortung gestellt, diese Geschichte aufzuarbeiten? Wie wird in Industriestädten oder in Dörfern an NS-Zwangsarbeit erinnert? Am Beispiel des Schicksals der neugeborenen Kinder von Zwangsarbeiter*innen präsentieren wir exemplarisch Forschungsergebnisse, die sowohl den Charakter von NS-Zwangsarbeit als Massenverbrechen als auch das Defizit ihrer Aufarbeitung zeigen. Eine Besonderheit dieses Magazins ist der Fokus auf andere Komplexe von Zwangs- und Sklavenarbeit in den USA und in der stalinistischen Sowjetunion. Die Erinnerung daran unterliegt Prozessen des Verschweigens, der Tabuisierung, aber auch der politischen Instrumentalisierung. Die Gegenwart bereits lange vergangener Unrechtserfahrung ist auch hier kaum zu übersehen.
Die Beiträge im Einzelnen:
Katja Makhotina und Christine Glauning beleuchten die Leerstellen und Herausforderungen in der Erforschung von NS-Zwangsarbeit und in der Vermittlung des Themas. Der Text erscheint auf Deutsch und auf Englisch.
Manfred Grieger skizziert die Rolle von Unternehmen wie Krupp oder VW im kriegswirtschaftlichen System der Zwangsarbeit.
Andrea Schneider-Braunberger erzählt, wie deutsche Unternehmen ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten und gibt Einblick in die Forschungsprojekte der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte.
Wie es ab dem Jahr 2000 zu Zahlungen humanitärer Leistungen durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft an ehemalige Zwangsarbeitende kam, schildert Martin Bock.
Anthony Bogues von der Brown University in den USA analysiert die Racial Slavery in der Geschichte der Vereinigten Staaten und wie sie heute (nicht) erinnert wird. Der Text erscheint auf Englisch und auf Deutsch.
Die ukrainische Historikerin Daria Reznyk beleuchtet das stalinistische Zwangsarbeitssystem in der Sowjetunion. Sie zeigt, wie die kritische Aufarbeitung der 1990er Jahre von Prozessen der politischen Instrumentalisierung abgelöst wird. Der Text erscheint auf Englisch und auf Deutsch.
Marcel Brüntrup untersucht das Schicksal der Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen in den „Ausländerkinder-Pflegestätten“ – ein bisher wenig beachtetes Thema.
Unsere Fragen zur lokalen Erinnerung an NS-Zwangsarbeit in Krefeld beantworten Fabian Schmitz und Christoph Becker.
Tobias Rischk hat die Wanderausstellung „trotzdem da!“ über die Kinder aus „verbotenen Beziehungen“ besucht und schildert uns seine Eindrücke.
André Bossuroy aus Belgien stellt das trilaterale Projekt und die App „Living Memorials: (Re)Vitalize Digital History!“ vor.
Angelika Laumer hat Bewohner*innen einer ländlichen Region in Bayern zu den ehemals auf ihren Höfen eingesetzten Zwangsarbeiter*innen befragt – Sabrina Pfefferle rezensiert ihre Studie.
Das österreichische Citizen Science-Projekt „Spuren lesbar machen“ im ehemaligen Granitsteinbruch Roggendorf stellt uns Tobias Rischk vor.
Wir danken der Hans und Berthold Finkelstein Stiftung, die diese inhaltlich breit gefächerte Magazinausgabe ermöglicht hat. Die Idee dazu wurde gemeinsam mit der Stiftung entwickelt, Teil der konzeptionellen Überlegungen war es, einige Beiträge zweisprachig zu veröffentlichen, um eine internationale Leser*innenschaft zu erreichen.
Wir danken den Interviewpartner*innen und Autor*innen, aber auch den Lektor*innen und Übersetzer*innen für ihren Beitrag zu diesem Magazin. Ein besonderer Dank geht an Tim Corbett, Adina Stern und Tobias Rischk für ihren engagierten Einsatz.
Das nächste LaG-Magazin dokumentiert den Fachworkshop „Frauen in Haft in der DDR“, der am 27. April 2026 in Berlin stattfand. Diese Ausgabe erscheint am 30. September.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und einen schönen Sommer!
Ihre LaG-Redaktion
Gefördert durch die Hans und Berthold Finkelstein Stiftung
