LaG-Magazin "Die Wehrpflicht und ihre Verweigerung. Historische Bezüge zu einer aktuellen Debatte"
Sabrina Pfefferle
Die allgemeine Wehrpflicht wird angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine schon länger politisch und medial diskutiert, ihre Wiederinkraftsetzung scheint vor der Tür zu stehen. Das LaG-Magazin greift die Debatte auf und bietet Einblicke in die Geschichte der Wehrpflicht in Deutschland – ein Plädoyer dieses Thema verstärkt in die Bildungsarbeit mit Jugendlichen aufzunehmen.
Sie sehen vor sich eine Magazinausgabe, die wie gewohnt ein historisches Thema aufgreift und es für die Bildungsarbeit aufbereitet. Dieses Mal haben wir es jedoch mit einem Thema von besonders aktueller Relevanz zu tun: Seit dem vollumfänglichen Ausbruch des Krieges in der Ukraine wird die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht politisch und medial kontrovers diskutiert. Mit dem diesjährigen Antritt der Regierung Merz, der wiederholt beschworenen „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands sowie der massiven Aufrüstung innerhalb der EU und der NATO stehen besonders junge Menschen hierzulande vor der konkreten Aussicht, Wehrdienst leisten und perspektivisch sogar aktiv als Soldat*in an einem zukünftigen Krieg teilnehmen zu müssen. Ein solches Szenario bedeutet für die jüngeren Generationen in Deutschland nicht nur einen temporären Eingriff in Biografien, sondern stellt auch potentiell eine schwerwiegende Einschränkung verfassungsmäßig garantierter Grundrechte dar − etwa des Rechts auf Selbstbestimmung, auf körperliche Unversehrtheit und letztlich auf das eigene Leben.
Angesichts – und trotz – der politisch vehement betonten Alternativlosigkeit eines Krieges in Europa sollte öffentlich breit diskutiert werden, wer den Preis für unsere Freiheit zahlen soll und ob ihn wieder die jüngeren Generationen entrichten müssen, deren Zukunft bereits durch die Erderwärmung mit allen vorhersehbaren und noch unbekannten Folgen ohnehin bereits massiv beeinträchtigt sein wird. Auf die Frage der Wehrgerechtigkeit folgt somit auch die Frage nach der Generationengerechtigkeit.
Das vorliegende Magazin lädt insbesondere schulische Lehrkräfte und Referent*innen der außerschulischen Bildungsarbeit dazu ein, junge Menschen über das Thema Wehrpflicht zu informieren, ihnen zentrale Fragen zu stellen und das Thema mit seinem Für und Wider gemeinsam fundiert zu erörtern. Der Blick in die historischen Zusammenhänge – etwa die Situation des Kalten Krieges in den 1970er und 1980er Jahren – hilft, gegenwärtige politische und gesellschaftliche Konstellationen einzuordnen und kritisch zu bewerten. Schüler*innen sollen befähigt werden, Angeboten der Bundeswehr informiert zu begegnen, Diskussionen auf Augenhöhe zu führen und reflektierte sowie souveräne Entscheidungen zu treffen.
Eine breitere gesellschaftliche Diskussion wird bestenfalls durch aufgeklärte Mitglieder dieser Gesellschaft geführt. Das LaG-Magazin betrachtet das Thema Wehrpflicht aus dezidiert zivilgesellschaftlicher Perspektive. Militärimmanente Argumentationsstränge stehen weniger im Mittelpunkt der Beiträge. Der Grundgedanke des „Staatsbürgers in Uniform“ und das Konzept der „Inneren Führung“, denen sich die Bundeswehr in kritischer Distanz zu den Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verschrieben hat, können und sollten jedoch gerade in zivilen Sphären diskutiert werden. Diese Konzepte wurden in den Nachkriegsjahrzehnten entwickelt und werden von verschiedenen Autor*innen in ihren Beiträgen aufgegriffen. Ein Grundsatz der sogenannten Inneren Führung ist, laut Website der Bundeswehr, das „Selbstverständnis der Bundeswehr als Parlamentsarmee“. Das heißt, der demokratisch gewählte Bundestag entscheidet über ihre Einsätze; politische Willensbildungen stehen über militärischen. Ein weiterer Grundsatz ist die Forderung nach dem „selbst denkenden Soldaten“, der nicht blind gehorchen, sondern verbrecherische Befehle verweigern soll. Wäre solch ein Grundsatz nicht eine Diskussion im Schulunterricht wert?
Das LaG-Magazin beleuchtet zunächst die historischen Ursprünge der allgemeinen Wehrpflicht. Im thematischen Schwerpunkt geht es um die Entwicklung der Wehrpflicht und ihrer Verweigerung im geteilten Deutschland nach 1945. Ein weiterer Fokus liegt auf geschlechterspezifischen Perspektiven.
Einführend beantwortet Ute Frevert unsere Fragen zur Entstehung der allgemeinen Wehrpflicht im 19. Jahrhundert: Der Staatsbürger in Uniform löste den bezahlten Söldner des frühneuzeitlichen Heeres ab.
Der Militärhistoriker Rüdiger Wenzke gibt einen Überblick über die Geschichte der Wehrpflicht in der DDR und geht dabei auch auf die begrenzten Möglichkeiten für Verweigerer ein.
Martin Singe zeichnet nach, wie das Recht auf Kriegsdienstverweigerung im Jahr 1949 als Menschenrecht Eingang in das bundesrepublikanische Grundgesetz fand – in der praktischen Behandlung von Verweigerern und auch durch spätere Gesetzgebungen erfuhr es dann jedoch eine Entkräftung.
Diesen Aspekt vertieft Guido Grünewald in seinem Beitrag. Er beschreibt, wie in der Bundesrepublik immer mehr Menschen den Wehrdienst verweigerten und welche sozialpolitische Bedeutung der Zivildienst gewann.
Sylka Scholz führt aus, wie militarisierte Männlichkeit seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Deutschland hegemonial wurde. Während dieses Ideal nach 1945 noch gesellschaftlich diskreditiert war, erlebt es durch rechte und extrem rechte Kreise derzeit eine Renaissance.
Maja Apelt beleuchtet die Integration von Frauen in die Bundeswehr: Traditionell waren Frauen im medizinischen Bereich und im Musikkorps tätig, nicht jedoch im Dienst an der Waffe.
Am Lernort Keibelstraße in Berlin wurden Interviews mit ehemaligen Totalverweigerern in der DDR geführt, die für ihre Verweigerung in Untersuchungshaft kamen. Henrike Voigtländer und Jan Haverkamp berichten über die Bildungsarbeit mit Schulklassen zu diesem Thema.
Tobias Rischk diskutiert vier ausgewählte Unterrichtsmaterialien zum Thema Wehrpflicht. Er nimmt die Perspektive der Jugendlichen ein und stellt zum Schluss zentrale Fragen. Fachlich unterstützt wurde er hierbei von Karl-Heinz Lipp.
Sabrina Pfefferle rezensiert die Graphic Novel Gegen mein Gewissen von Hannah Brinkmann. Darin verarbeitet die Autorin die Wehrdienstverweigerung ihres Onkels in der alten Bundesrepublik – und die tragischen Folgen, die die Ablehnung seines Antrags für ihn hatte.
Wir danken allen Autor*innen sehr herzlich für ihre Beiträge zu dieser Magazinausgabe sowie für fachlichen Austausch, Rat und Geduld im redaktionellen Prozess. Da das Thema von aktueller Brisanz ist, haben einige Autor*innen persönliche Stellungnahmen und Positionierungen in ihre Texte eingefügt und verlassen dort bewusst den Pfad der Historiografie − darauf möchten wir ausdrücklich hinweisen. Unser Dank gilt außerdem der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die diese Ausgabe des LaG-Magazins fördert.
Die nächste Ausgabe des LaG-Magazins erscheint am 24. September 2025. Darin werfen wir einen kritischen Blick auf den Tag der Deutschen Einheit und bringen ergänzend neue Perspektiven auf Feiertags- und Gedenkkulturen ein.
Wir wünschen Ihnen eine erhellende Lektüre!
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LaG-Redaktion
LaG-Magazin "Zum 8. Mai. Erinnern an das lange Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa"
Sabrina Pfefferle
80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs greift das LaG-Magazin aktuelle Herausforderungen an die Praxis der Erinnerung auf. In ihren Beiträgen erzählen die Autor*innen Geschichten vom langen Kriegsende in verschiedenen europäischen Ländern und wie diese heute erinnert werden. Der bisher geltende Konsens vom 8. Mai 1945 als dem Tag der Befreiung steht jedoch, auch durch den erstarkenden rechten Geschichtsrevisionismus, mehr denn je in Frage.
Am 8. Mai 2025 schauen wir mit einem Abstand von 80 Jahren zurück auf das Ende des Zweiten Weltkrieges, das zugleich das Ende des nationalsozialistischen Deutschlands war. Mehrere Autor:innen unseres Magazins berufen sich in ihren Texten auf die Rede Richard von Weizsäckers, der 1985 den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ deklarierte – eine staatspolitische Erklärung, die zu einem gesellschaftlich breit getragenen Konsens wurde. Die MEMO-Studie der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), die den Stand der Erinnerungskultur in Deutschland empirisch dokumentiert, hat herausgefunden, dass viele junge Menschen heute noch an der NS-Zeit interessiert sind. Allerdings zeigten sich bei den repräsentativen Befragungen der Studie auch erhebliche Wissenslücken: Die Länder Ukraine, Belarus und Litauen etwa, deren Gebiete Hauptschauplatz des Vernichtungskriegs in Osteuropa waren, werden nur von sehr wenigen Befragten überhaupt mit dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht. Daraus ergeben sich die Fragen, wie wir den Zweiten Weltkrieg als europäisches Ereignis betrachten können und was wir über die Vergangenheitsdeutungen in anderen europäischen Ländern wissen, kurz: Wie kann eine europäische Erinnerungskultur aussehen?
Wissenschaftler:innen nehmen aktuell das „lange Kriegsende“ in Europa in den Blick, das für Millionen Menschen in verschiedenen Ländern auch nach dem 8. Mai 1945 noch jahrelang von Gewalt, Migration und existenzbedrohenden Notlagen geprägt war. Der Historiker Martin H. Geyer nennt diese Zeit eine „Abfolge permanenter Ausnahmezustände“. Den mikrohistorischen Blick auf die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen von Menschen werden Sie in einigen Essays dieser Magazinausgabe wiederfinden. Die Erinnerungspraxis steht heute jedoch vor Herausforderungen ungeahnten Ausmaßes: Durch aktuelle Kriege in und am Rand von Europa sowie durch den Vormarsch rechter und extrem rechter politischer Kräfte wird es zunehmend schwieriger, den erinnerungskulturellen Konsens aufrechtzuerhalten. Die Wahlerfolge der AfD bei der letzten Bundestagswahl ziehen weitere Fragen nach sich: Welche Rolle spielen eigentlich die geschichtsrevisionistischen Deutungen dieser Partei für die Wähler:innen? Bedeuten die hohen Zustimmungswerte am Ende eine Aufkündigung der kritischen Aufarbeitung und Verurteilung deutscher NS-Verbrechenskomplexe? Äußert sich hier das Bedürfnis, lieber auf die eigenen Leiden zu schauen als auf die der anderen? Oder haben erinnerungskulturelle Fragen keine stimmentscheidende Priorität und wählen Bürger:innen die AfD trotz ihrer Verharmlosung von NS-Verbrechen?
Die Beiträge dieser Magazinausgabe nehmen die oben angerissenen Fragen und Themenfelder auf. Mit lokal- und regionalhistorischen Perspektiven greifen sie zugleich die Forderung nach einer europäisch orientierten Erinnerung auf. Zur Einführung werfen wir einen Blick in die Arbeit und die aktuellen Forschungsergebnisse des Multidimensionalen Erinnerungsmonitors MEMO Deutschland. Am Heftende stellen wir Bildungsprojekte anlässlich des 8. Mai 2025 vor, die den europäischen Gedanken einlösen und mit ansprechenden digitalen Formaten arbeiten.
Maria Wilke ordnet dem 8. Mai eine besondere Bedeutung in der gegenwärtigen Erinnerungskultur zu. Der in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitete europäische Erinnerungskonsens vom 8. Mai als dem Tag der Befreiung wird durch erstarkende geschichtsrevisionistische Deutungen als auch durch die russische Propaganda im Rahmen des Angriffskriegs gegen die Ukraine in Frage gestellt.
Jonas Rees und Leonore Martin haben unsere Fragen zu den Ergebnissen der aktuellen MEMO-Studien beantwortet. Sie berichten besonders über die MEMO-Jugendstudie von 2023, gewähren uns Einblick in die Arbeitsprozesse der Studien und weisen auf ihre gesellschaftliche Relevanz hin.
Jost Dülffer gibt uns einen Überblick über die Praxis der Erinnerung in west- und osteuropäischen Ländern. Die Tradition, an die „für das Vaterland gefallenen“ Soldaten zu erinnern, stellte in den Nachkriegsjahrzehnten europaweit keinen angemessenen Rahmen mehr dar, um der Opfer des Zweiten Weltkriegs, eines genozidalen Vernichtungskriegs, zu gedenken.
Karolina Ćwiek-Rogalska hat Interviews mit ehemaligen polnischen Zwangsumsiedler:innen und deren Angehörigen in der polnischen Kleinstadt Wałcz/Woiwodschaft Westpommern geführt. Sie gewährt uns einen Einblick in die Erfahrungen dieser Menschen, die im Frühjahr 1945 in den neuen polnischen Westgebieten ankamen.
Juliane Wetzel gibt einen Überblick über die jüdischen DP-Lager in den von den Westalliierten besetzten Zonen. Sie weist auf das lange Kriegsende hin – viele jüdische Überlebende mussten noch Jahre im „Wartesaal Deutschland“ ausharren, bis es ihnen gelang auszuwandern.
Emmanuel Droit blickt aus einer französischen Perspektive auf das Kriegsende in der deutschen Kleinstadt Demmin und den damaligen Massensuizid von Einwohner:innen im Angesicht der einmarschierenden Roten Armee. Die Erinnerung dort wird heute zunehmend von der AfD und der extremen Rechten geprägt: Den 8. Mai feiern nicht mehr alle in Demmin als Tag der Befreiung.
Sophie Ziegler stellt zwei von der Stiftung EVZ geförderte Projekte vor. Sie berichtet, wie junge Menschen heute die Geschichte des Kriegsendes aufarbeiten und erzählt hierbei von zwei Orten: der multikulturellen Region Fruška Gora in Serbien und dem Plac Grunwaldzki in der polnischen Stadt Wrocław.
Tobias Rischk weist auf eine Ausstellung, einen Podcast, ein Projekt mit virtuellen Zeitzeug:innen und ein Tanzprojekt hin, die sich auf den 8. Mai 1945 beziehen. Eine Konferenz zum langen Kriegsende in Europa nimmt die nationalen Erinnerungen im Kontext des Kalten Krieges in den Blick und schaut besonders nach Osteuropa.
Diese Ausgabe des Magazins „Lernen aus der Geschichte“ wurde von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gefördert. Die Beiträge regen historisch-politisch Bildende zu einer stärkeren Berücksichtigung europäischer Perspektiven an. Dabei ist mit der Herausforderung umzugehen, dass der kritische und multiperspektivische Modus im Umgang mit Vergangenheit durch gegenwärtige politische Konstellationen mehr denn je in Frage steht. Wir danken den Mitarbeiter:innen der Stiftung EVZ für ihre Beiträge zum vorliegenden Themenheft.
Das nächste LaG-Magazin erscheint voraussichtlich am 2. Juli 2025. Es thematisiert die Geschichte der Wehrpflicht in Deutschland seit 1945.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!
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LaG-Redaktion
LaG-Magazin "1848. Orte der Revolution – Orte der Erinnerung"
Sabrina Pfefferle
Die Revolution von 1848 gilt als wichtiger Markstein der deutschen Demokratiegeschichte. Diese Ausgabe des LaG-Magazins stellt die Frage, wie wir uns heute an den 18. März und an die Revolution von 1848/49 erinnern. Die Autor*innen der Beiträge erzählen, an welchen Orten die Revolution stattfand, wer ihre Akteur*innen waren und dass sie ein Ereignis von europäischer Dimension war.
Die Revolution von 1848 gilt als wichtiger Meilenstein der Demokratiegeschichte in Deutschland. Unter dem Einfluss revolutionärer Unruhen in Frankreich forderte man auch im Deutschen Bund Rede- und Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, politische Gleichberechtigung und nationalstaatliche Einheit zum Teil auch ohne Monarchien. Der 18. März 1848 gilt als einer der Höhepunkte der Revolution von 1848 in Berlin: Gewaltsame Barrikadenkämpfe in Berlin führten zu zahlreichen Verletzten und Toten. Rund 250 Tote dieser Märzrevolution sind auf dem Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain begraben. Zugleich ist der 18. März ein zentrales Datum für die Demokratiegeschichte in Deutschland und steht nicht nur für die Barrikadenkämpfe der Märzrevolution 1848 in Berlin, sondern auch für die Gründung der Mainzer Republik 1793 und für die erste freie Wahl zur Volkskammer der DDR 1990. Der Berliner Verein „Aktion 18. März“ setzt sich daher seit 1978 dafür ein, den 18. März zum nationalen Gedenktag zu erklären. Veranstaltungen wie auf dem Friedhof der Märzgefallenen, die Umbenennung des Platzes vor dem Brandenburger Tor in „Platz des 18. März“ oder Gedenktafeln an Orten der Barrikadenkämpfe erinnern heute an den 18. März als historisches Datum der Demokratiegeschichte.
Das LaG-Magazin stellt in dieser Ausgabe die Frage, wie wir uns heute an den 18. März und an die Revolution von 1848/49 erinnern. Wann war „1848“? Kann man es auf das Datum des 18. März 1848 beschränken oder schreibt es sich ein in eine lange Geschichte von revolutionären Unruhen vom Hambacher Fest 1832 über 1848 hinaus? Wo fand die Revolution von 1848 statt? In der Frankfurter Paulskirche, auf den Barrikaden in Berlin, bei den Aufständen in Baden oder auch in Wien und Paris? An wen wird heute erinnert als Akteur der Märzrevolution? An Bürger*innen, Arbeiter*innen, Soldaten, Frauen, an die städtische Bevölkerung? Die Beiträge der Ausgabe widmen sich der Erinnerung an 1848 in Berlin, Baden und Frankfurt/Main, der Einordnung der Märzrevolution im heutigen kulturellen Gedächtnis und stellen verschiedene Initiativen und Bildungsmaterialien zu 1848 vor.
Rüdiger Hachtmann beschreibt die Ereignisse und die Erinnerung an die Revolutionen von 1848 in verschiedenen Ländern Europas.
Manfred Hettling erläutert, wie die heutige Erinnerung an die Revolution von 1848 von aktuellen Entwicklungen beeinflusst ist und das Bild von 1848 prägt.
Kerstin Wolff zeigt in ihrem Beitrag die Rolle von Frauen in der Revolution von 1848 und die Erinnerung an einige ausgewählte Persönlichkeiten auf.
Christoph Hamann zeichnet nach, wie die Initiative „Aktion 18. März“ entstand und welche Ziele und Projekte der Verein für eine wertschätzende Erinnerung an den 18. März 1848 verfolgt.
Jürgen Karwelat nimmt die Leser*innen mit auf einen historischen Spaziergang durch Berlin und berichtet, welche Straßen und Plätze heute an die Revolution von 1848 erinnern.
Susanne Kitschun und Paul Schmitz beschreiben die Geschichte des Friedhofs der Märzgefallenen in Berlin und wie heute vor Ort der Ereignisse und der „Märzgefallenen“ gedacht wird.
Elisabeth Thalhofer stellt die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt und die Besonderheit des badischen Erinnerungsortes der deutschen Revolution 1848 vor.
Jan Merk widmet sich der Erinnerung an 1848 im Dreiländermuseum Lörrach aus einer lokalen deutschen als auch französischen und schweizerischen Perspektive.
Jan Meiser stellt das Planspiel „In der Paulskirche“ vor, das Schüler*innen spielerisch die Debatten und Entwicklungen in der Frankfurter Paulskirche 1848 nahebringt.
Sabrina Pfefferle beschreibt in ihrer Rezension der aktuellen Publikation Akteure eines Umbruchs verschiedene Persönlichkeiten, die für die Revolution von 1848 von Bedeutung waren.
Stephanie Beetz empfiehlt aktuelle Bildungsmaterialien, die als PDF-Download, App oder Webseite zu historischen Ereignissen von 1848 informieren.
Die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte förderte das Themenheft, das an die Ereignisse von 1848/49 erinnert. Die Ausgabe lädt dazu ein, sich mit den verschiedenen Räumen und Persönlichkeiten der Revolution von 1848 zu beschäftigen. Sie möchte anregen, über den 18. März als Gedenktag der deutschen Demokratiegeschichte nachzudenken und zu fragen, wie uns die Forderungen nach Wahlrecht, Pressefreiheit oder Selbstbestimmung von 1848 bis heute beeinflussen.
Wir danken an dieser Stelle herzlich Daniel Hadwiger, der diese und die letzte Magazinausgabe zu „Straße als Ort demokratischer Aushandlungsprozesse“ mit hoher Fachkompetenz und ebensolchem Engagement redaktionell betreut hat. Er wendet sich nun verstärkt dem Vermittlungsformat Ausstellung zu, für diesen Weg wünschen wir ihm viel Erfolg. Auf die redaktionelle Leitung des LaG-Magazins freut sich nun Ulrike Rothe, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin der Agentur für Bildung. Sie bereitet bereits die nächste LaG-Ausgabe anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsendes 1945 vor, die am 8. Mai 2025 erscheinen wird.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!
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LaG-Redaktion
LaG-Magazin "Straße als Ort demokratischer Aushandlungsprozesse"
Sabrina Pfefferle
Wem gehört die Straße? Die aktuelle LaG-Ausgabe widmet sich der „Straße als Ort demokratischer Aushandlungsprozesse“. Werfen Sie einen Blick in die LaG-Ausgabe, die hinterfragt, wie die Straße immer wieder aufs Neue zu einem Trainingsgelände der Demokratie genutzt wird.
Die Straße wurde immer schon als Raum genutzt, um Interessen und Kritik öffentlich auszuhandeln. Demonstrationen, Proteste, Flashmobs oder Gedenkveranstaltungen machen die Straße nicht nur zu einer Bühne, sondern auch zu einem „Trainingsgelände der Demokratie“ (Robert Kaltenbrunner, 2017).
Straßen spiegeln darüber hinaus gesellschaftliche Vorstellungen und Veränderungen, da ihre Namen nicht nur räumliche, sondern auch kulturelle Orientierung anbieten. Sie erinnern an Personen, die in vergangenen Jahrzehnten als Vorbilder galten. Aktuelle Diskussionen über Umbenennungen wie die eines Teils der Manteuffelstraße in Audre-Lorde-Straße in Berlin 2023 zeigen neue gesellschaftliche Vorstellungen. Digitale Medien erleichtern die Organisation und Teilnahme an Protesten, die erst im öffentlichen Raum an Wirkung gewinnen, etwa während der Proteste gegen Stuttgart 21, den Demonstrationen während der Pandemie oder den Aktionen der Klimaaktivist*innen der „Letzten Generation“.
Mit dieser LaG-Ausgabe richten wir den Blick auf die Straße als Ort demokratischer Aushandlungsprozesse. Wir spannen einen historischen Bogen vom 19. Jahrhundert bis heute, von Demonstrationen der Arbeiterbewegung bis zu Bürgerinitiativen und beleuchten dabei auch die zentrale Rolle von Medien.
Nicolai Hannig skizziert im Gespräch die Entwicklung von Straßengewalt, Protest und Medien von 1848 bis in die 1970er Jahre.
Holger Czitrich-Stahl zeigt in seinem Beitrag, wie die Arbeiterbewegung den öffentlichen Raum nach und nach als Ort der politischen Auseinandersetzung eroberte.
Harald Engler berichtet im Interview über die Proteste in der Bundesrepublik und der DDR gegen den Ausbau der autogerechten Stadt ab den 1960er Jahren.
Bernd Martin beschreibt die Diskussion um Straßenumbenennungen in Freiburg und erörtert zentrale Kriterien bei Umbenennungen.
Kathrin Fahlenbrach zeichnet nach, welche Auswirkungen der mediale Wandel auf die Straße als Protestraum entfaltete und wie sich Protest und Medien gegenseitig beeinflussten.
Greta Jasser und Alexander Hensel erläutern ausgehend von öffentlichen Protesten gegen Rechtsextremismus Anfang 2024 Theorie und Praxis einer wehrhaften Demokratie.
Kaspar Nürnberg erläutert das Konzept der Ausstellung „(um)benennen?!“, die ab Frühjahr 2025 die Straßenumbenennungen in Berlin und die damit verbundenen Diskussionen beleuchtet.
Stephanie Beetz veranschaulicht anhand der Geschichte des Berliner Freilichtdenkmals „Orte des Erinnerns“, wie im öffentlichen Raum an die Diskriminierung und Verfolgung von Juden in der NS-Zeit erinnert werden kann.
Sabrina Pfefferle zeigt, wie Filme der Weimarer Republik die Straße als Schauplatz privater und politischer Kämpfe darstellten und inwiefern diese Filme als Spiegel der Weimarer Gesellschaft gelesen werden können.
Wir bedanken uns bei der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, die diese Ausgabe zur Straße als Ort demokratischer Aushandlungsprozesse förderte. Die nächste LaG-Ausgabe zum Thema des 18. März und der Revolution von 1848 erscheint im Februar 2025. Sie entsteht ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte. Ziel der Stiftung ist die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der deutschen Demokratiegeschichte vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, was sich in Projektförderungen und eigenen Veranstaltungen zu diesem Thema niederschlägt. Wir hoffen, mit diesem Themenheft zu zeigen, wie unterschiedlich und vielfältig Straßen immer wieder als Orte des Protests und politische Bühne genutzt werden, um verschiedene Interessen deutlich zu machen und auszuhandeln.
Die vorliegende Ausgabe wurde von Daniel Hadwiger betreut, der durch mehrere vorhergehenden wissenschaftliche Projekte über Expertise zur Stadtgeschichte verfügt und sie bei der Herausgabe dieses Magazins mit einbrachte. Katharina Trittel, die das Magazin in den letzten beiden Jahren betreut hat, danken wir herzlich für ihre Fachkompetenz und ihr außerordentliches Engagement.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre, frohe Festtage und alles Gute im neuen Jahr!
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LaG-Redaktion
LaG-Magazin "Digital History and Memory. Wie erinnern wir an die Verbrechen des Nationalsozialismus?"
Sabrina Pfefferle
Die digitale Vermittlung ist mittlerweile ein fester Bestandteil des Erinnerns an die NS-Verbrechen geworden. Deshalb wollen wir mit dieser Ausgabe des LaG-Magazins einen Blick auf den Stand der Debatte von Digital History and Memory und aktuelle Herausforderungen in diesem Feld werfen.
Link zum aktuellen LaG-Magazin
Im Juli 2024 fand bereits zum dritten Mal das #rememBARCAMP – ein Barcamp zu digitaler Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit – statt, diesmal in der NS-„Euthanasie“-Gedenkstätte Hadamar. Das Treffen hat sicfh damit als ein wichtiger Ort des Austauschs über digitale Erinnerungskultur etabliert. Es ist ermutigend zu sehen, wie sich die Debatten hierzu weiterentwickeln, insbesondere im Kontext der nationalsozialistischen Verbrechen, aber auch unter dem Eindruck zunehmender Angriffe gegen NS-Gedenkstätten, Dokumentationszentren und weitere Erinnerungsorte im Analogen und Digitalen. Die zunächst von einzelnen Mitarbeitenden dieser Erinnerungsorte ins Leben gerufene Initiative des #rememBARCAMP zeigt, dass sich im deutschsprachigen Raum zunehmend etwas in diesem Themenfeld bewegt. Die wachsende Teilnehmer*innenzahl beim Barcamp unterstreicht, dass digitale Themen aus Gedenkstätten und Museen nicht mehr wegzudenken sind und dass zunehmend Ressourcen und Stellen für diese wichtige Arbeit geschaffen werden.
Im Anschluss an dieses Vernetzungstreffen und aufgrund der Tatsache, dass insbesondere auch digitale Vermittlung mittlerweile ein fester Bestandteil des Erinnerns an die NS-Verbrechen geworden ist, wollen wir mit dieser Ausgabe des LaG-Magazins einen Blick auf den Stand der Debatte und einige der größten aktuellen Herausforderungen werfen.
Steffen Jost präsentiert eine Bestandsaufnahme der digitalen Vermittlung des Nationalsozialismus und gibt Empfehlungen für eine Weiterentwicklung der Praxis digitaler Erinnerungskultur.
Victoria Grace Richardson-Walden nimmt uns mit auf den Weg hin zu einem vernetzten Ansatz für die Digital Holocaust Memory und wirft u.a. am Beispiel des Landecker Digital Memory Lab die Frage nach nachhaltigen Perspektiven auf. Der Text erscheint auf Englisch und auf Deutsch.
Iris Groschek, Juna Grossmann und Arne Jost erzählen die (Vor)Geschichte des #rememBARCAMP und vermitteln einen Eindruck von diesem besonderen Format.
Lena Horz berichtet vom #rememBARCAMP 2024 im Hinblick auf zielgruppenorientiertes Marketing als zentralem Aspekt für digitale Gedenkstättenarbeit.
Jan Lormis stellt sich die Frage, wie Gedenkstätten TikTok sinnvoll für ihre Erinnerungsarbeit nutzen können und mit welchen (auch politischen) Herausforderungen das verbunden ist.
Arne Jost stellt die digitale Arbeit unterschiedlicher Gedenkstätten der „Aktion T4“ in ihren Entwicklungsschritten vor und stellt den Konflikt von Ambition und vorhandenen Ressourcen heraus.
Miriam Menzel berichtet von der re:publica 24 und der dort von ihr moderierten Podiumsdiskussion „Why should I care about the Holocaust? Neue Zugänge mit digitalen Spielen“.
Bettina Loppe und Swantje Bahnsen erörtern praktische und ethische Perspektiven von Digital Holocaust Memory, indem sie ihre Potenziale und Realisierungsmöglichkeiten am Beispiel des Projektes SPUR.lab diskutieren.
Clara Mansfeld präsentiert die Website „Geschichte inklusiv“, ein Projekt der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde Brandenburg an der Havel.
Andrea Szõnyi und Wolf Kaiser erläutern, wie die deutsche Webpage „IWitness“ als didaktische Plattform des Visual History Archives funktioniert.
Wir freuen uns, dass wir gemeinsam mit der Alfred Landecker Foundation bereits zum zweiten Mal ein LaG-Magazin präsentieren können, das sich der digitalen Erinnerungskultur widmet. Um zielgruppengerechte Lösungen zu entwickeln, hat die Alfred Landecker Foundation bereits verschiedene Projekte zur digitalen Erinnerung an den Holocaust gefördert, wie zum Beispiel das Digital Remembrance Game „Erinnern. Die Kinder vom Bullenhuser Damm“, die digitale Ausstellung „Zwangsräume“, das #rememBARCAMP oder das neue Landecker Digital Memory Lab an der Universität Sussex.
Die vorliegende Ausgabe entstand in Kooperation mit der Gedenkstätte Hadamar, die das #rememBARCAMP im Juli 2024 ausgerichtet hat. Es ist unerlässlich, dass NS-„Euthanasie“-Gedenkstätten in die Lage versetzt werden im digitalen Raum aktiver zu werden. Hier gibt es derzeit noch eine Unterrepräsentanz. So werden auch in der aktuell laufenden Neugestaltung der Gedenkstätte Hadamar digitale Angebote eine deutlich größere Rolle spielen als in der bisherigen Ausstellung.
Schon längst ist es nicht mehr möglich, das Feld der Digital Holocaust Memory in seiner ganzen Breite in nur einem Heft abzudecken. Wir laden alle Leser*innen ein, mit uns – anhand von Beispielen – in die vielfältigen Facetten der digitalen Erinnerungskultur einzutauchen und die Möglichkeiten zu erkunden, die sich uns bieten, um die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus lebendig zu halten.
Wir schließen mit einer Bemerkung in eigener Sache: Ab der nächsten Ausgabe wird Dr. Daniel Hadwiger die Leitung der LaG-Redaktion übernehmen. Wir freuen uns sehr, dass wir ihn für diese Aufgabe gewinnen konnten. Ich, Katharina Trittel, möchte mich persönlich bei allen Leser*innen, Autor*innen, Kolleg*innen und Unterstützer*innen des LaG-Magazins für 2 besondere Jahre als Leiterin der LaG-Redaktion bedanken. Es war mir eine große Freude, das LaG-Magazin in dieser Zeit mitgestalten und mit Ihnen zusammenarbeiten zu dürfen.
Ihr*e
Steffen Jost für die Alfred Landecker Foundation
Arne Jost für die Gedenkstätte Hadamar
und Katharina Trittel für die LaG-Redaktion
LaG-Magazin "Erinnerung an den Widerstand gegen den Staatssozialismus in Ostmitteleuropa"
Sabrina Pfefferle
In den Ländern Ostmitteleuropas verändert sich die Erinnerungspraxis an den Widerstand gegen den Staatssozialismus und die kommunistischen Diktaturen derzeit stark. Das nimmt das aktuelle LaG-Magazin zum Anlass, vergleichend auf die Erinnerungskulturen in dieser Region zu schauen. Gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Wir bedanken uns herzlich für die Förderung!
Einführung in das LaG-Magazin 8/2024
In den Ländern Ostmitteleuropas verändert sich die Erinnerungspraxis an den Widerstand gegen den Staatssozialismus und die kommunistischen Diktaturen derzeit stark. Erinnerungskulturen sind generationell und gesellschaftlich bedingt immer fluide, aber mit zunehmendem Abstand zu den Umwälzungen von 1989/90 bricht sich in einigen ostmitteleuropäischen Ländern eine Verklärung der sozialistischen Ära Bahn. Zugleich rücken nationale Narrative, die zur Legitimierung der aktuellen Politik dienen, in den Vordergrund.
Die Demokratisierungsprozesse der 1990er- und 2000er- Jahre setzen sich nicht bruchlos fort, sondern werden mancherorts durch teils autokratische Strukturen ersetzt. Zivilgesellschaftliche wie erinnerungskulturelle Akteure werden in ihren Meinungsäußerungen und anderem politischen Handeln eingeschränkt, ihr Engagement teils verboten.
Auch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine verändert, wie heute in Ländern Ostmitteleuropas an den Widerstand gegen den Staatssozialismus erinnert wird. Diese starken Dynamiken innerhalb der Erinnerungskultur geben ebenso wie geschichtspolitische Interventionen Anlass, aus verschiedenen Perspektiven differenziert auf diese Region und vergleichend auf ihre Erinnerungskulturen zu schauen.
Florian Peters spannt im Gespräch mit dem LaG-Magazin ein breites wie facettenreiches Panorama auf. Er beleuchtet einige Besonderheiten der Region und führt die Leser*innen durch die zeitlichen Phasen des Widerstandes gegen den Staatssozialismus.
Peter Oliver Loew erörtert die für Europa beispiellose Intensität und Kontinuität des polnischen Widerstandshandelns im 20. Jahrhundert. Dabei zeigt er, inwiefern Polen in mancherlei Hinsicht eine besondere Rolle in Ostmitteleuropa spielt(e).
Peter Jašek zeichnet am Beispiel der Tschechoslowakei nach, welch erbitterte Kontroversen noch heute um das Erinnern an den Widerstand gegen den Staatssozialismus geführt werden. Der Text erscheint auf Englisch und auf Deutsch.
Árpád von Klimó vergegenwärtigt, dass mit Victor Orbán, der sich prorussisch äußert und sich gegen die Unterstützung der Ukraine ausgesprochen hat, heute jemand an der Spitze eines autoritären Regimes steht, der sich einst im antisowjetischen Widerstand gegen den Staatssozialismus engagierte.
David Feest zeigt auf, wie im sogenannten „Phosphoritkrieg“ die Umweltbewegung in Estland als Katalysator einer nationalen Mobilisierung gegen die sowjetische Herrschaft gewirkt hat.
Nationale Geschichte wird oft in Denkmälern symbolisiert. Stephanie Beetz gibt einen Einblick, wie sowjetische Denkmäler in Ostmitteleuropa abgebaut wurden, was mit ihnen passierte und wie Denkmäler als Gegenstand der historisch-politischen Bildung betrachtet werden können.
Sabrina Pfefferle stellt Frauen aus der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność vor und geht der Frage nach, warum deren Rolle bis heute unterbelichtet ist. Sie beschreibt, warum sich Filme, in deren Zentrum der Widerstand von engagierten Frauen steht, sich für eine erinnerungspolitische Annäherung an das Thema eignen.
Wir bedanken uns herzlich bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur für die Förderung dieser Ausgabe.
LaG-Magazin "Die unabhängige Frauenbewegung in der DDR – Perspektiven auf eine Ausstellungskonzeption"
Sabrina Pfefferle
Die unabhängige Frauenbewegung in der DDR – Perspektiven auf eine Ausstellungskonzeption
Das aktuelle LaG-Magazin diskutiert unterschiedliche Perspektiven auf die unabhängige Frauenbewegung in der DDR am Beispiel der Ausstellung „Gemeinsam sind wir unerträglich“ der Agentur für Bildung, Geschichte und Politik e.V. Für die Förderung bedanken wir uns herzlich bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Link zum aktuellen LaG-Magazin
Einführung in das LaG-Magazin
„Gemeinsam sind wir unerträglich“ – unter diesem Motto konzipierte die Agentur für Bildung, Geschichte und Politik e.V. eine Wanderausstellung zur unabhängigen Frauenbewegung in der DDR, die 2023 eröffnet wurde und nun quer durchs Land reist.
Als „unerträglich“ erlebten viele Frauen die Verhältnisse in der DDR, ob es um militärische Aufrüstung ging, um die Zerstörung der Umwelt oder um die Unmöglichkeit, sich legal zu versammeln, sich politisch zu formieren und eigene Themen – wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft, sexualisierte Gewalt oder Schwangerschaftsabbrüche – öffentlich zu diskutieren.
„Unerträglich“ wollten aber auch die Frauen- und Lesbengruppen sein, die sich seit den 1980er Jahren überall in der DDR bildeten. Sie setzten sich dafür ein, dass ihre Anliegen gehört wurden und sie ihre Interessen im beginnenden Transformationsprozess aktiv vertreten konnten. Doch ist dieses Engagement im Vergleich zu dem anderer widerständiger Gruppen in der DDR noch sehr wenig erforscht und kaum im öffentlichen Gedächtnis präsent.
Vor diesem Hintergrund hat das vorliegende LaG-Magazin zwei Anliegen: Einerseits will es einen Beitrag zur inhaltlichen Rahmung der Ausstellung leisten und andererseits wird aus unterschiedlichen Perspektiven die Frage diskutiert, wie es gelingt, eine solche Ausstellung zu machen. Nach welchen Kriterien werden inhaltliche Schwerpunkte gesetzt? Welche Quellen lassen sich finden und wie lassen sie sich erschließen? Welche Rolle spielen Zeitzeug*innen und was muss man als Leihnehmer*in einer Wanderausstellung beachten? Mit diesem Fokus hoffen wir, anderen Ausstellungsmacher*innen Einblicke in den Prozess der Erarbeitung einer Wanderausstellung zu geben.
Katharina Hochmuth führt in das Thema der unabhängigen Frauenbewegung in der DDR ein und erläutert, welche neuen Blickwinkel das LaG-Magazin und die Ausstellung „Gemeinsam sind wir unerträglich“ diesbezüglich einnehmen.
Ulrike Rothe führt als Kuratorin der Ausstellung „Gemeinsam sind wir unerträglich“ in ihre Thematik und Konzeption ein.
Im Gespräch mit den Kurator*innen Ulrike Rothe, Rebecca Hernandez Garcia und Judith Geffert berichten diese, welche Aspekte bei der Realisierung einer Wanderausstellung zur unabhängigen Frauenbewegung in der DDR entscheidend waren und aus welchen Erfahrungen andere Ausstellungsmacher*innen womöglich lernen können.
Judith Geffert stellt die Frauen- und Lesbenbewegung in Thüringen und Sachsen vor und fokussiert dabei auf Ausschnitte, die in der Ausstellung weniger präsent sind.
Ulrike Quentel gibt als Zeitzeugin Einblicke in die konkrete Arbeit der Frauen für den Frieden in Eisenach und erläutert die Motive für ihr damaliges Engagement.
Jessica Bock weitet den Fokus und rekonstruiert die Netzwerkbildung innerhalb der neuen Frauenbewegungen in Ost- und Westdeutschland und diskutiert ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Und dann? Jeanette Toussaint wirft am Beispiel der Potsdamer Fraueninitiative einen Blick in die Jahre nach 1989 und zeigt auf, inwiefern heutige Engagierte auf den Schultern der unabhängigen Frauenbewegung stehen.
Uwe Schwabe gibt als Leihnehmer der Ausstellung aus Leipzig Tipps, wie die Ausstellung erfolgreich präsentiert und inhaltlich gerahmt werden kann.
Mit Jacqueline Brösicke sprechen wir über die Rolle von Zeitzeug*innen in Ausstellungskonzepten und darüber, wie sich Anliegen der unabhängigen Frauenbewegung in der DDR bis heute fortsetzen und warum es weiterhin wichtig bleibt, sich für feministische Belange einzusetzen.
Interessierte können ihren Besuch der Wanderausstellung anhand von pädagogischen Begleitmaterialien inhaltlich vorbereiten und vertiefen. Die Materialien werden von Ulrike Rothe vorgestellt.
Die Wanderausstellung „Gemeinsam sind wir unerträglich“ ist eine von mehreren Ausstellungen zur unabhängigen Frauenbewegung in der DDR. Welche Projekte es bereits gab, präsentiert Stephanie Beetz.
LaG-Magazin "Mehr als Faktencheck! Perspektiven auf historische Forschung von Schüler:innen"
Sabrina Pfefferle
Das aktuelle LaG-Magazin diskutiert unterschiedliche Perspektiven auf historische Forschung von Schüler:innen im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten der Körber-Stiftung. Es entstand in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung.
Link zum aktuellen LaG-Magazin
Einführung in das LaG-Magazin
Welchen Beitrag können Kinder und Jugendliche für die Entwicklung lokaler Geschichtskulturen leisten? Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben sie durch eigene historische oder biografische Forschungen? Und inwiefern geraten Prozesse des forschend-entdeckenden Lernens im Zeitalter ‚fragiler Fakten‘ unter Druck?
Auf dem 54. Deutschen Historikertag, der im September 2023 in Leipzig unter dem Motto „Fragile Fakten“ stattfand, organisierten Kirsten Pörschke (Körber-Stiftung) und Prof. Saskia Handro (Universität Münster) das Panel „Mehr als Faktencheck! Historische Forschung von Schüler:innen als geschichtskulturelles Kapital“. Hier wurde ausgehend vom Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, den die Körber-Stiftung ausrichtet, darüber diskutiert, welche gesellschaftliche Funktion und welche Potenziale historische Forschungen von Schüler:innen in Zeiten ‚fragiler Fakten‘ haben.
Im Anschluss an die Diskussionen des Panels entstand die Idee, den Fokus zu weiten, die Beiträge in einer LaG-Ausgabe zu dokumentieren und in eine multiperspektivische Gesamtschau einzubetten, die den Geschichtswettbewerb, die Herausforderungen der Digitalisierung für das forschend-entdeckende Lernen und die Möglichkeiten der Partizipation an historischer Forschung und Geschichtskultur im Rahmen des Wettbewerbs abbildet.
Unter welchen Gesichtspunkten dies geschieht, erläutern Kirsten Pörschke und Saskia Handro im Vorwort.
Fachwissenschaftler:innen skizzieren den theoretischen Rahmen des Wettbewerbs und diskutieren Potenziale und Grenzen von Schüler:innenforschung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und medialer Veränderungsprozesse.
Saskia Handro greift dabei das Thema des Historikertags auf und ordnet die Schüler:innenforschung ins Zeitalter der ‚fragilen Fakten‘ ein.
Dorothee Wierling blickt auf die Geschichte des Wettbewerbs und zeigt auf, inwiefern er von Beginn an in einer fruchtbaren Wechselwirkung mit der Geschichtswissenschaft als Disziplin stand.
Aus der Perspektive der Geschichtsdidaktik fragt Sebastian Barsch nach dem Beitrag, den der Wettbewerb zu einer inklusiven Geschichtskultur zu leisten vermag.
Anke John schlägt in diesem Zusammenhang vor, Impulse der Citizen Science für die Schüler:innenforschung aufzugreifen, um noch mehr Partizipation zu ermöglichen.
Christian Bunnenberg fragt aus der Perspektive der Public History nach Gegenwart und Zukunft des Geschichtswettbewerbs in einer Kultur der Digitalität.
Der Wissenschaftsjournalist Armin Himmelrath führt die mediale Resonanz vor Augen, die Wettbewerbsbeiträge mitunter hervorgerufen haben, und verdeutlicht damit, dass der Wettbewerb bei Schüler:innen nicht nur geschichtswissenschaftliche Kompetenzen fördert, sondern sie auch im Umgang mit Medien schult und sie dazu ermächtigt, die regionale Geschichtskultur aktiv mitzugestalten.
Im zweiten Teil kommen die Akteur:innen selbst zu Wort:
Der Geschichtswettbewerb lebt davon, dass Teilnehmende zum Teil bislang unbekannte Quellen recherchieren und auswerten. Dabei werden sie von Archivar:innen unterstützt. Diese leisten jedoch oftmals mehr als das; sie sorgen eigeninitiativ für eine lokale Sichtbarkeit der Beiträge und gestalten so Geschichtskultur vor Ort, wie Annekatrin Schaller und Philipp Erdmann zeigen.
Die Tutor:innen Janine Körner, Uta Knobloch und Matthias Meyer, die mit ihren Lerngruppen am Wettbewerb teilgenommen haben, berichten im Gespräch von ihren Erfahrungen und geben Hinweise, was eine Teilnahme für ihre Schüler:innen und für sie als Lehrkräfte bedeutet.
Ein wesentliches Gremium für einen Wettbewerb ist die Jury. Im Geschichtswettbewerb sind mehrere Landesjurys und nachfolgend eine Bundesjury für die Bewertung der Beiträge zuständig. Jury-Mitglieder haben Katharina Trittel berichtet, nach welchen Kriterien die Prämierung erfolgt, welche Aspekte ihnen die größte Freude bereiten, welche Potenziale sie in Schüler:innenforschung sehen und vor welche Herausforderungen ihre Tätigkeit sie stellt.
Wer steht bei der Körber-Stiftung hinter dem Geschichtswettbewerb? Wie wird er intern organisiert und wie gelingt es, thematisch, methodisch und in seinen Formaten am Puls der Zeit und für die Teilnehmenden interessant zu bleiben? Die LaG-Redaktion hat bei der Programm-Managerin des Geschichtswettbewerbs, Kirsten Pörschke, nachgefragt.
Nicht nur im Geschichtswettbewerb wird geforscht, es wird auch über ihn geforscht. Johanna Glandorf, Lukas Greven, Moritz Heitmann, Johannes Schmitz und Wanda Schürenberg stellen in Kurzinterviews ihre Dissertationsprojekte vor, die sich mit unterschiedlichen Facetten von Schüler:innenforschung befassen. Sie beleuchten den Wettbewerb damit nicht als Plattform, sondern als Gegenstand geschichtsdidaktischer Forschung.
Wir freuen uns, dass aus dem Austausch auf dem Historikertag eine gemeinsame LaG-Ausgabe entstanden ist, und bedanken uns sehr herzlich bei denen, die mit ihren Beiträgen diese Gesamtschau mit all ihren unterschiedlichen Blickwinkeln ermöglicht haben. Außerdem bedanken wir uns ebenso herzlich bei der Körber-Stiftung für die Zusammenarbeit.
LaG-Magazin "Gender im Diskurs. Geschlechterfragen und gesellschaftliche Ordnungen"
Sabrina Pfefferle
Das aktuelle LaG-Magazin beschäftigt sich mit Gender aus diskursiver Perspektive: Es bietet Einblicke in historische Debatten um Geschlechterfragen und kontextualisiert aktuelle Diskussionen rund um Gender und Geschlecht. Es ist in Kooperation mit dem Berliner Standort des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin entstanden. Wir bedanken uns herzlich für die Förderung!
Einführung in das LaG-Magazin
„Ob Frauen denken können“? – Diese Tatsache stellten zahlreiche gebildete Männer noch vor gut hundert Jahren in Frage und machten sie zum Gegenstand einer hitzigen Debatte. Das mutet aus heutiger Perspektive nicht nur grotesk an, sondern mag vielleicht auch deshalb verwundern, da aktuell mitunter der Anschein erweckt wird, als seien Debatten über Geschlecht und Gender Ausdruck eines Zeitgeistes, einer woken linksliberalen Diskussionskultur.
Die Auseinandersetzung über die Fragen, wie die Geschlechter zueinander stehen und wie diese gesellschaftlich determiniert und interpretiert werden, wurde lange Zeit von Männern bestimmt. Dabei dienten die historisch unterschiedlich fundierten Geschlechterkonstruktionen auch dazu, gesellschaftliche Ordnungen zu stabilisieren, insbesondere in Zeiten von Krisen bzw. in Reaktion auf sie. Die vorliegende Ausgabe des LaG-Magazins möchte Einblicke in historische Debatten und deren Verlauf gewähren und dadurch die aktuell mitunter aufgeregt geführte Auseinandersetzung über Gender kontextualisieren.
Hannah Lotte Lund beginnt damit Ende des 18. Jahrhunderts und zeichnet nach, wie und mit welch langfristiger Wirkung die Kategorie Natur in die Debatten über die Geschlechter eingeführt wurde.
Tanja Gäbelein zeigt auf, wie Homosexualitäten im Deutschen Kaiserreich verhandelt und diese Zuschreibung als Instrument der Machtausübung eingesetzt wurden.
Die Frage, „ob Frauen denken können“, war eines der Instrumente, um Frauen den Zugang zu Hochschulen zu verwehren. Die Auseinandersetzung und wie es doch gelang, zeichnet Elke Blumberg nach.
Die Rede, die Stefanie Schüler-Springorum anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2023 im Thüringer Landtag gehalten hat, ruft in Erinnerung, dass gerade der queeren Opfer des Nationalsozialismus lange Zeit nicht gedacht wurde.
Dass sexuelle Vielfalt auch heute noch als Feindbild dient und für welche Gruppen es Mobilisierungspotenzial bietet, erläutert Gert Pickel.
Monty Ott weist darauf hin, dass es die Aufgabe der globalen Linken gewesen sei, in Reaktion auf das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 die intersektionale Verschmelzung von Antisemitismus und sexualisierter Gewalt bzw. Antifeminismus zu benennen.
An einem digitalen Roundtable unternehmen Christina Wolff, Sigrid Roßteutscher und Hannah Lotte Lund den Versuch, gemeinsame Argumente und Mechanismen in Geschlechterdebatten zu identifizieren, Differenzen auszuloten und zu ergründen, warum das Thema gesellschaftlich oftmals so aufgeregt diskutiert wird.
Comics und Graphic Novels thematisieren Geschlechterfragen auf vielschichtige und zugleich zugängliche Art und Weise. Sabrina Pfefferle analysiert diesen Zugang zum Thema. Dabei stellt sie „Der Ursprung der Liebe“ von Liv Strömquist ins Zentrum.
Das Schwule Museum als Ort kontroverser (Selbstverständigungs-)Debatten und als Impulsgeber stellt Heiner Schulze vor.
Die Ausstellung „Gemeinsam sind wir unerträglich“ verhandelt unterschiedliche Facetten der unabhängigen Frauenbewegung in der DDR. Einblicke in die Ausstellung und ihren Katalog gibt Sabrina Pfefferle.
Wir freuen uns sehr, dass wir die vorliegende Ausgabe in Kooperation mit dem Berliner Standort des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin umsetzen konnten und bedanken uns herzlich für die Förderung!









